© Dr. Markus Gruber
Die strategisch durchaus wichtige Kreisstadt Regen in Niederbayern wurde am 24. April 1945 gegen die anrückende 11th Armored Division der US Army von einer zwischen 200 und 400 Mann starken Wehrmachteinheit verteidigt, die unter dem Befehl des Ritterkreuzträgers Oberst Dr. Fritz Bingemer (1893-1976) stand. Die den ganzen Tag über dauernden Gefechte sind in dem Portal „regiowiki“ bereits detailliert dargestellt worden; außerdem existiert ein ausführlicher Zeitzeugenbericht des Pfarres Nikolaus Hackl. Aus diesen Darstellungen und Beobachtungen sollen einige Stichpunkte genügen: Die deutschen Pioniere sprengten gleich zu Beginn drei Brücken, zwei US-Panzer wurde abgeschossen, es folgte Bombardement durch Artillerie und Tiefflieger, eine Granate traf eine Gruppe von Zivilisten und tötete allein acht von ihnen. Schließlich waren 36 Häuser zerstört oder beschädigt, dutzende Menschen getötet worden – deutsche und US-Soldaten, aber auch viele Zivilisten. Dies war der Preis dafür, dass die Amerikaner ein paar Stunden aufgehalten wurden.
Ist der Ablauf der Ereignisse zwar soweit geklärt, so bedarf die Angabe, dass (neben 17 Zivilpersonen) 33 Wehrmachtangehörige beim „Kampf um Regen“ getötet worden seien, einer Präzisierung: Nicht alle dieser Soldaten starben unmittelbar bei der sinnlosen Verteidigung der Stadt Regen am 24. April, sondern „nur“ 24. Dieser Blutzoll für einen irrsinnigen Widerstand, der am Ausgang des Krieges nicht das geringste ändern sollte, ist immens und erschreckend. Es dürfte interessant sein, aufgrund neuer Recherchen, die sich vor allem auf die Datenbank des Volksbundes deutsche Kriegsgräberfürsorge gründen, einige neue Angaben zu machen.
Auf dem Grabstein des Sammelgrabes auf dem Friedhof von Regen (Block III, Reihe 2, Grab 39) sind 30 Namen von Wehrmachtangehörigen verzeichnet. Drei dieser Toten kamen bereits zwischen dem 15. und 17. April zu Tode: Ältere Männer im Dienstgrad Gefreiter im Alter zwischen 53 und 55 Jahren, die an Flecktyphus starben. Weitere vier Luftwaffensoldaten starben beim Abschuss (oder Absturz) ihres Nachtjägers Ju-88 der 10. Staffel, Nachtjagdgeschwader 6, am 30. April bei Regen (Flugzeugführer war Major Siebel).
Dem Kampf um die Stadt selbst am 24. April können mit hoher Wahrscheinlichkeit 23 tote Soldaten zugeordnet werden. 21 sind für den 24. April vermerkt, zwei weitere scheinen am 25. und 28. April ihren Verwundungen erlegen zu sein. Unter diesen 23 Toten sind keineswegs „fast nur“, wie der Pfarrer Hackl schrieb, „Offiziersaspiranten, Zahlmeister und Oberzahlmeister“, sondern Wehrmachtangehörige aller Dienstgrade: Mannschaften, Unteroffiziere und Feldwebel sowie, dies ist am auffallendsten, (mindestens) sechs Offiziere, darunter zwei Hauptmänner, zwei Oberleutnante, zwei Leutnante. Die Identität dieser Toten beweist einmal mehr, dass auch die ‚normale’ Wehrmacht und keinesfalls nur die SS bis zum Ende rücksichtslos Widerstand zu leisten bereit war und dabei auch etliche Zivilisten mit in den Tod riss. Der jüngste Gefallene war 16 Jahre alt, der älteste 43. Auch die gefallenen US-Soldaten der 11th Armored Division waren zwischen 18 und 30 Jahre alt. Der deutsche Befehlshaber Oberst Dr. Fritz Bingemer, hauptverantwortlich für die Verteidigung von Regen, starb 1976 im hohen Alter von 83 Jahren.
Verluste der Wehrmacht im Kampf um Regen (24. April)
1. Andree, Hans: Stabszahlmeister, *06.01.11 in Berlin-Karlshorst, +24.04.45
2. Bauermeister, Heinrich: Obergefreiter, *10.12.02 in Bitsch, +24.04.45, Einheit: 28 I.I.R. 280 (?)
3. Berger, Franz: Fahrer, *29.09.05 in Scheurek, +25.04.45, Einheit: Stammkomp. Ld.Sch.Ers.Bat. I/13
4. Falk, Joachim: Leutnant, *23.01.22 in Berlin, +24.04.45, Einheit: 1. Btr. Flak-Ers.Abt. 51
5. Feldmann, Heinz: Hauptmann, *02.01.22 in Kiel, +24.04.45, Einheit: S.I.G.Kp. 703/24
6. Göbel, Hans: Dienstgrad unbekannt, *05.06.16 in Bingen-Büdesheim, +28.04.45
7. Henzler, Werner: RAD-Mann,*08.07.28 in Raidwangen, +25.04.45, Kopfschuss
8. Hermanns, Josef: Soldat, *15.02.19 in Mönchengladbach, +24.04.45
9. Hiltscher, Günther: Grenadier, *22.10.23 in Liegnitz, +24.04.45, Einheit: HPA P 1/1
10. Hoch, Helmut: Unteroffizier, *06.08.19 in Ebern, +24.04.45, Einheit: Stellv. General.Komm.
11. Hodapp, Paul: Oberzahlmeister, *17.07.07 in Freiburg (wohnhaft Coburg), +24.04.45
12. Hohstadt, Friedrich: Oberzahlmeister, *07.01.03 in Wuppertal-Vohwinkel, +24.04.45, Einheit: H. St. O Verw. Hannover Nr. 3
13. Höpfner, Manfred: Dienstgrad unbekannt, *05.04.25 in Oberschöna, +24.04.45
14. Koch, Erich: Dienstgrad unbekannt, *10.01.05 in Saargemünd, +24.04.45, Einheit: Stammkomp. I.E.u.A.Abt 13 (?)
15. Lehmann, August: Dienstgrad unbekannt, *30.11.13 in Strümpfelbrunn, +24.04.45, Brustschuss
16. Möhring, Gustav: Oberleutnant, *19.03.1896 in Berlin, +24.04.45
17. Pietzsch, Julius Kurt: *13.09.07 in Holzhausen, +24.04.45, Einheit: 2. Inf.Ers.Btl. 353
18. Reiter, Helmut: Feldwebel, Geb.datum u. -ort unbekannt, +24.04.45
19. Schlenke, Georg: Hauptmann, *25.12.12 in Ehringen, +24.04.45
20. Sens, Gerhard: Leutnant, *13.05.23 in Dessau, +24.04.45
21. Sommer, Friedrich: Feldwebel, *16.05.05 in Kauffung, +24.04.45., Einheit: San.Ers.Abt. 134 48
22. Wende, Willy: Dienstgrad unbekannt, *09.02.02 (Geb.ort unbekannt), +24.04.45, Einheit: "Kraftfahrer 13", Stammkomp.
23. Winn, Werner: Oberleutnant, *01.04.15 in Dortmund, +24.04.45., Einheit: BauBtl 84, Schuss in den Unterkiefer.
Drei weitere Wehrmachtangehörige starben Mitte April im Krankenhaus Regen an Flecktyphus und sind ebenfalls auf dem Denkmal vermerkt - ihr Alter betrug schon Mitte 50:
1. Geier, Rudolf: Gefreiter, *05.08.1891 in Petersdorf, +16.04.45
2. Matzner, Rudolf: Gefreiter, *12.10.1889 in Liebu, +17.04.45
3. Müller, Albert: Gefreiter, *14.06.1890 in Döschena, +15.04.45
Abschuss / Absturz einer Ju-88 (10. Staffel, Nachtjagdgeschwader 6) am 30. April:
1. Siebel, Klaus: Major, *07.10.15 in Düsseldorf, +30.04.45
2. Grootaarts, Friedhelm: Flieger, *27.06.22 in Duisburg, +30.04.45
Todesumstände bislang unklar:
1. Corneli, Peter: Dienstgrad unbekannt, *1917, +30.04.45, Einheit: Wehrm.L. Sch. Pol.
Verstorbene im Krankenhaus Regen:
1. Vollmer, Peter, Gefreiter, *13.09.23 in Gütersloh, +30.04.45., war in Tittling verwundet worden, verstorben an Wundstarrkrampf.
2. Kuchler, Alois: *01.02.1928 in Hundzell (Hohenwarth/Bad Kötzting), +28.04.45
Kuchler war RAD-Mann (Reichsarbeitsdienst) und wurde am 27. April in Rohrmünz (Gem. Grafling, bei Deggendorf) verwundet. Er verstarb dann Krankenhaus von Regen, wo er auch bestattet wurde. Alois Kuchler war eines von 13 Opfern der "Tragödie von Rohrmünz", als US-Soldaten des 104. Regiments der 26. Infantry Division das Lager der 16- und 17-jährigen sog. Arbeitsmänner stürmten, nachdem ein US-Leutnant erschossen worden war. Siehe G. Haberl / W. Fricke: Anfang und Ende des Tausendjährigen Reiches in Ostbayern. Band 2. Neckenmarkt 2009, S.142ff.
Gefallene in der Umgebung von Viechtach und Regen
-- Fortsetzung folgt! --
- Freese, Johann: Stabsintendant und OT-Mann (Organisation Todt), *19.08.1898 Holzdorf, +24.04.1945 Straße Böbrach-Teisnach
- Grunert, Albert: Stabsintendant, *03.02.1904 Open (Ostpreußen), +24.04.1945, Böbrach, am Waldende vor der Schloßbrauerei Eck (StA Berlin-Lichterfelde Nr. 1810/1949)
- Klein, Theodor: OGefr. (Luftwaffe, EM: ... Luftw.BauRgt 4/IV), *29.12.1905 Köln, +24.04.1945 Egermühle (Reibenmühle)-Schlatzendorf bei Viechtach
- Pattee, August Kurt: Stabsgefr., *04.09.1900 Burg, +25.04.1945 Schlatzendorf/Stock-Hofwald (= evtl. Stockhof), best. wohl Viechtach
- Stasch, Willi: Soldat, *19.12.1918 Königshütte (Oberschlesien), +27.04.1945 Kirchdorf im Wald: Grünbichl
- Lachauer, Ludwig: Gendarmerie-Meister, *10.03.1893 Asbach (Griesbach-Rottal), +25.04.1945 St. Englmar
- Riege, Wolfgang: Zahlmeister, EM: 3.Inf.Ers.Btl. 333 ... , *23.06.1907 Hamburg, +26./27.04.1945 Bischofsmais (im Gasthaus Pledl)
- Lorenz, Hubert: Arbeitsmann, *25.08.1928 Neumühl, +26.04.1945 Bischofsmais: Ritzmais/Scheibe
- Greiner, Erich: Arbeitsmann, *29.03.1928, +26.04.1945 "bei Regen", vermutlich Bischofsmais
- Elzer, Karl-Friedrich, *27.8.1908 Zwingenberg/Neckar, SS-Obersturmführer, 06.05.1945 Böhmhof/Bodenmais
- Grunewald, Alfred, *18.11.1908 Reichenau, SS-Unterscharführer, +04.05.1945 Böhmhof/Bodenmais
- Wulff, Kurt, SS-Untersturmführer, Kraftfahr-Techn. Lehranstalt Wien-Schönbrunn, *19.05.1901 Hamburg, +04.05.1945, Böhmhof/Bodenmais
- Unbekannter SS-Mann, +06.05.1945 Böhmhof/Bodenmais
- Unbekannter SS-Mann, +06.05.1945 Böhmhof/Bodenmais
Das Sterbebuch von Bodenmais notiert: "Am 8.5.1945 in der Waldung südlich Böhmhof tot aufgefunden. Hatten Schüsse in der Brust und Merkmale von Schlägen am Kopf." Einer der beiden Unbekannten war vermutlich der Obersturmbannführer Johann Orasche aus Wien. Diese fünf SS-Männer kamen vermutlich am 04.05. bei Böhmhof ums Leben und wurden am 08.05. in Bodenmais bestattet, später nach Hofkirchen übergeführt.
Verluste der US-Armee (11th Armored Division) im Kampf um Regen
Durch Nachforschungen in amerikanischen Quellen lassen sich erstmals auch die Verluste der amerikanischen 11th Armored Division für den Kampf um Regen am 24. April angeben: Es waren zwischen sechs und zehn Gefallene.
Sicher sind in Regen folgende sechs US-Soldaten gefallen:
21st Armored Infantry Battalion (AIB) (Infanterie)
1. Mowinkel, Harold W. (Company A), Pfc (*1923) (verwundet, +7.5.1945)
2. Steiger, Carl H. (Company A), Pfc (*1921)
3. Mulvaney, Vincent J. (Company B), 2nd Lt
41st Tank Battalion (Panzer)
4. Bobela, Andrew (Company B), Corporal (*6.6.1922)
5. Hunley, Everitt B. (Company B), Tec4 (*2.4.1922)
6. Campbell, Leo F. (HQ, Sanitäter), Pfc (*22.3.1917)
Zwei weitere Soldaten der Company B des 21. AIB sind für den folgenden Tag (25. April) als tot vermerkt. Auch deren Tod könnte mit dem Kampf um Regen in Verbindung gebracht werden, da immer wieder zu beobachten ist, dass das offizielle Todesdatum einen Tag später liegt als das tatsächliche:
7. Kerkstra, Benjamin (21. AIB, Company B), Pfc
(8. Veal, Harold M. (21. AIB, Company B), Pfc (*8.3.1920) - höchstwahrscheinlich gefallen bei Perlesreut)
Außerdem verlor Company C des 21. AIB ‚offiziell’ am 25. April folgenden Mann, der ebenfalls bei Regen gefallen sein könnte:
9. Cozad, George O. (21. AIB, Company C), Pvt (*1926)
Filmaufnahmen der US Army (166th Signal Company) vom Kampf um Regen 1945 (National Archives)
Auf Youtube stehen Filmaufnahmen der US Army vom Kampf um Regen 1945. Das Video ist z.B. über die Stichwortsuche "Regen 1945" leicht zu finden.
Inhalt der ersten drei Minuten aus dem Raum Regen: Gefangene Deutsche einschließlich Frauen; ungarische Kindersoldaten; deutscher Tieffliegerangriff; MG-Abwehrfeuer; brennender US-Lkw; gefallener deutscher Soldat; weibliche Wehrmachtangehörige. Ab 3:14 folgen Aufnahmen von der Donauüberquerung bei Ingolstadt am 27. April.
