© Dr. Markus Gruber
Das untergegangene Grafenried (Lučina) bei Waldmünchen, nur einen Kilometer jenseits der Grenze im Gemeindegebiet von Nemanice (Wassersuppen) gelegen, ist seit Jahren in aller Munde: Handelt es sich doch um einen außergewöhnlichen Ort, in dem durch archäologische Ausgrabungen das frühere Leben, das hier 1946 mit der Vertreibung der sudetendeutschen Bevölkerung abrupt endete, wiederentdeckt werden kann. Hunderte von Touristen, gerade auch Tschechen, besuchen Jahr für Jahr den ehemaligen Ortsbereich, in dem mittlerweile dort, wo früher Gebüsch und Mauerreste das Aussehen des stattlichen Pfarrdorfes und Gemeindeorts nicht einmal erahnen ließen, die Überreste von Kirche, Pfarrhof und Brauerei eindrucksvoll betrachtet werden können. Die Politik unterstützt die deutsch-tschechische Kooperation an einem Ort, der zu einer Begegnungsstätte zwischen Deutschen und Tschechen geworden ist, an dem sich Hass und Ignoranz früherer Zeiten überwinden lassen.
Gründliche Feldforschung und Arbeit in den Archiven werden noch viele Aspekte in der Geschichte von Grafenried entdecken lassen – freilich auch das eine oder andere ‚dunkle Kapitel’. So tauchte immer wieder von Seiten ehemaliger Bewohner und weiterer Zeitzeugen ein Gerücht auf: Im April 1945 sollen in Grafenried zwei Russen erschossen worden sein, Häftlinge eines Todesmarsches, die wohl kurzzeitig einem auf dem Durchmarsch befindlichen Gefangenenzug entkommen seien, dann aber im Ortsbereich von Grafenried ermordet und auf dem örtlichen Friedhof beigesetzt worden seien.
Im Staatlichen Kreisarchiv Domažlice (Statní okresní archiv) ließen sich nun tatsächlich Dokumente finden, welche den Vorfall offiziell bestätigen (Bestand ONV Horšovsky Týn, i.č. 383 IX/10). Am 8. April 1946 schrieb der SNB Grafenried (Sbor národní bezpečnosti, eine für geheimpolizeiliche Aufgaben zuständige Sondereinheit) an den ONV (Okresní národní výbor) Horšovsky Týn (Bischofteinitz) auf dessen allgemeine Anfrage nach der Existenz von Gräbern mit Kriegsopfern hin folgendes: Im April 1945 wurden im Wald bei Grafenried zwei russische Gefangene erschossen und zunächst, gemäß einer Aussage des Grafenrieder Totengräbers, an Ort und Stelle begraben. Die beiden Leichen wurden etwa drei Monate später, am 19. Juli 1945, wieder ausgegraben und auf dem Pfarrfriedhof Grafenried beigesetzt. Die Toten konnten aufgrund fehlender Dokumente nicht identifiziert werden, die Leichen befanden sich schon im Zustand der Verwesung. Laut Ausage des Totengräbers habe es sich um zwei Russen im Alter von 20 bis 22 Jahren und 40 bis 45 Jahren gehandelt, die abgenutzte russische Uniformen getragen hätten. Damit schließt der Bericht des SNB Grafenried. Ein drei Jahre später erfolgtes Schreiben vom 16. Juni 1949 bestätigt nochmals, dass die beiden Russen im Grafenrieder Friedhof bestattet liegen. Dann aber verliert sich die Spur; in den späteren offiziellen Zusammenstellungen von Kriegsopfergräbern findet sich keine Erwähnung mehr. Der Grund hierfür könnte darin liegen, dass der Kreis Horšovsky Týn, dessen Behörden die Anfragen über solche Gräber in den frühen Nachkriegsjahren gestellt hatten, im Jahre 1960 aufgelöst wurde und offensichtlich die seinerzeit gewonnenen Erkenntnisse von den Behörden des neuen Kreises Domažlice nicht mehr kontinuierlich erfasst wurden. Insgesamt ist somit zu urteilen, dass die beiden Mordopfer nach wie vor im Friedhof Grafenried bestattet liegen.
Auch die Unterlagen des International Tracing Service (ITS) Bad Arolsen geben Hinweise auf den Vorfall. Laut einer Befragung des Bürgermeisters der deutschen Grenzgemeinde Untergrafenried vom 4. April 1947 überschritt am 25. April 1945 um 8.00 Uhr morgens ein Gefangenenzug in Stärke von 90 bis 100 Russen (nur Männer, keine Frauen) aus dem böhmischen Grafenried die heutige Landesgrenze nach Untergrafenried und sei dann in Richtung Buchwalli weitergezogen, den kleinen Weiler am heutigen Perlsee bei Waldmünchen. Der Bürgermeister bestätigt den Tod der beiden Russen und deren Beisetzung im Friedhof Grafenried, was also allgemein und vom Hörensagen her bekannt gewesen sein muss. Laut ITS war die Marschkolonne wohl aus dem Konzentrationslager Flossenbürg über Irlach nach Treffelstein getrieben worden und hatte bei Kritzenthal (Hotel Katharinenhof) und bei der Einöde Schickenhof die heutige Landesgrenze in Richtung Anger (Úpor) und Grafenried überschritten. Darauf lässt auch die ebenfalls 1947 erfolgte Befragung des Bürgermeisters von Treffelstein schließen, der für den 24. oder 25. April über einen aus 80 bis 100 Mann bestehenden Marsch berichtet.
Es muss diese Gefangenenkolonne gewesen sein, mit der sich am 24. und 25. April der Waldmünchner Volkssturm und die Bevölkerung im Grenzort Höll konfrontiert sah. Die Augenzeugenberichte von Einheimischen und Volkssturmmännern (beide Kompanien waren zur Verteidigung Waldmünchens gegen die US-Armee eingesetzt, jedoch im rückwärtigen Bereich zwischen Untergrafenried, Höll, Haselbach und Arnstein postiert worden, ohne dass sie einen einzigen Schuss abgaben) besagen, dass die Russen in Bauernhöfen sowie im Zollamt notdürftig einquartiert waren und sich von rohen Kartoffeln 'ernährten'. Von der Bevölkerung, Tschechen wie Deutschen, ist überliefert, dass sie im Rahmen ihrer Möglichkeit half und auch ihrer Empörung gegenüber der geradezu viehischen Behandlung von Menschen Ausdruck verlieh. Angeblich erging dann seitens des Waldmünchner Verteidigungsstabes (Kreisleiter Max Seidel, Stadtkommandant Hauptmann Siegfried Stöhr) der Befehl, die Gefangenen an Ort und Stelle zu liquidieren: Diesem Befehl habe sich die Volkssturmführung – so deren Eigendarstellung (Richard Wagner, "Der letzte Kriegstag im Raum Waldmünchen", Waldmünchner Heimatbote Heft 12 (1985), S.19ff., ders.: "Wir haben 120 russische Offiziere gerettet", Heimatbote Jahrbuch 1995, S.19ff.) – verweigert, nicht nur aus moralischen Gründen, sondern auch wegen der zu erwartenden Vergeltungsmaßnahmen durch die Amerikaner. Laut Gerhard Bücherl aber ("Die KZ-Todesmärsche", Waldmünchner Heimatbote 2010, S.110ff.) sei der Liquidierungsbefehl sehr zweifelhaft; eher habe man geplant, den Häftlingszug möglichst schnell weiterzubringen, um etwaige Plünderungen zu verhindern. Zu bedenken ist auch noch folgendes: Einen Exekutionsbefehl, der nach damaliger Logik 'sauber' und professionell durchzuführen war, hätte man doch wohl nicht den militärisch kaum ausgebildeten Volkssturmmännern übertragen, die kaum schießen konnten – abgesehen davon, dass sie die befohlene Ermordung dutzender Gefangener psychisch kaum durchgestanden hätten. Hierfür wäre zweifellos die Wachmannschaft herangezogen worden oder gegebenenfalls Soldaten von Wehrmacht und SS, die vor der herannahenden Front in Massen Richtung Böhmen zurückströmten. Insgesamt sahen die örtlichen Verantwortlichen offenbar die Russen überwiegend als Gefahr für sich selbst, so dass sie das Problem durch eine 'räumliche Verlagerung' aus der Welt schaffen wollten: Der Häftlingszug verließ am 25. April die Gegend. Entgegen den beim ITS registrierten Zeugenaussagen verließ diese Kolonne den Raum Höll-Haselbach aber nicht in Richtung Süden (die Amerikaner standen schon kurz vor Waldmünchen, in Schönthal und Ast), sondern über Nepomuk (Capartice) ins Landesinnere von Böhmen. Auf die weiteren, schon in den Tagen zuvor durch den Großraum Waldmünchen getriebenen Todesmärsche sei an dieser Stelle vorläufig nur kurz hingewiesen: Laut ITS kam ein Häftlingsmarsch bereits am 21. April aus der Tschechoslowakei und wurde über Waldmünchen und Ast nach Wetterfeld getrieben; dort trafen mehrere weitere Kolonnen aus dem KZ Flossenbürg mit abertausenden Häftlingen an; noch am 23. April wurden 46 Häftlinge massakriert, bevor US-Einheiten die noch vor Ort befindlichen Überlebenden befreiten.
Der Mord an den beiden Russen in Grafenried fand also wohl am 24. April statt. Von Seiten der Dorfbewohner, die den Vorfall ganz offenbar hautnah mitbekamen, sind zusätzliche Details überliefert, deren Wahrheitsgehalt aber teilweise schwankt. Als Täter wird ein einheimischer NS-Funktionär genannt oder aber ein junger SS-Offizier. Sinngemäß berichtete eine Augenzeugin, die damals eine junge Frau war, folgendes: „Eines Tages saßen zwei zerlumpte Gestalten auf dem Holzplatz. Sie machten eine Geste, dass sie Hunger hätten. Die Mutter brachte Kaffee mit eingebrocktem Brot, die beiden Männer machten zum Dank das Kreuzzeichen. Kinder scharten sich um die beiden. Einige von ihnen erzählten davon im Wirtshaus, wo sich ein auswärtiger, junger SS-Mann in Uniform befand. Dieser machte sich sofort auf, führte die beiden ins Holz und erschoss sie dort. Die Leute vom Dorf holten Hacken und Schaufeln.“
Angeblich handelte es sich bei den beiden Russen um Vater und Sohn, wozu immerhin der auf der Darstellung des Totengräbers beruhende SNB-Bericht passt, der von einem deutlich unterschiedlichen Alter spricht (20 bis 22 und 40 bis 45 Jahre). Andere Zeitzeugen wollen wissen, dass die beiden späteren Mordopfer dem Gefangenenzug kurzzeitig entkommen seien, in einem Anwesen des (heute ebenfalls verschwundenen) Dorfes Anger (Úpor) Zuflucht gefunden hätten, dann jedoch mehr oder weniger in die falsche Richtung gegangen seien, so dass sie wieder in das Umfeld des Gefangenenzuges gekommen seien. Der einheimische NS-Funktionär, dem, wie gesagt, eine Tatbeteiligung zugesprochen wird, soll schon in den Jahren zuvor durch besonderen Fanatismus hervorgetreten sein. Zu bemerken ist auch, dass im Raum Grafenried eine Truppe auswärtiger sogenannter "Panzervernichter" der Hitlerjugend präsent war, die in der Nacht vom 25. auf den 26. April von Untergrafenried aus einen nächtlichen Blitzangriff auf eine Panzereinheit der Amerikaner ausführte, die bereits nach Schäferei vorgerückt war (zwei leichte US-Panzer "Stuart" wurden durch Panzerfaustbeschuss zerstört, bis zu drei US-Soldaten verwundet); solche Panzervernichtungstrupps der HJ kämpften in diesen Tagen auch im Raum Schönsee und Grafenkirchen (Löwendorf) und standen unter der Führung von Offizieren, die teils als fanatisch und gefährlich beschrieben wurden. Ferner lag in Untergrafenried in den Tagen vor dem Einmarsch der Amerikaner auch der 3. Zug der 5. Volkssturmkompanie Waldmünchen.
Die Zeitzeugen berichten weiter, dass die beiden Leichen nach der Exhumierung auf dem Friedhof hinter der dortigen Kapelle begraben wurden. Später habe die tschechische Verwaltung das Grab mit einem Sowjetstern markieren lassen; bei der Umbettung mussten die Grafenrieder zusehen.
Die beiden Russen wurden nur zwei Tage vor der Ankunft der Amerikaner ermordet: Am Nachmittag des 26. April (der Tag, an dem auch Waldmünchen und Höll nach heftigen Gefechten erobert wurden) erreichten US-Panzer das Dorf. Tags zuvor, am 25. April (also nur ein paar Stunden nach dem Durchzug des Todesmarsches und dem Mord), war Grafenried wie viele andere Orte entlang der Grenze von amerikanischer Artillerie beschossen worden, zwei Bewohner starben (das alte Ehepaar Johann und Margarethe Bauer). Insgesamt forderte der massive Artilleriebeschuss auf den ganzen Grenzstreifen zwischen Böhmisch- und Bayerisch-Schwarzach (Švarcava), Waier (Rybník), Friedrichshäng-Plöss (Pleš), Oberhütten-Paadorf (Horní Hut-Hranična) und Grafenried am 25. und 26. April 1945 nicht weniger als 26 namentlich bekannte Tote unter der Zivilbevölkerung. Wenn sich deutsche Einheiten, v.a. das "Skijäger-Bataillon" aus Taus, hier nicht zur Verteidigung eingerichtet hätten, wäre es vermutlich nicht zu einer derart hohen Opferzahl gekommen. In den spannungsreichen Tagen vor der großen Offensive der 90th US Infantry Division am 30. April kam es bei Grafenried zu keinen größeren Kampfhandlungen; lediglich für den 28. April ist ein kurzes Feuergefecht bezeugt (allerdings starben weiter nördlich, zwischen Paadorf und Neid (Závist) vier US- und drei deutsche Soldaten im Kampf, da zwischen Waier und Haselberg-Lískovec eine Verteidigungslinie verlief). Insofern war also auch die einheimische Bevölkerung von den Kriegsereignissen, von Tod, Leid und Zerstörung empfindlich betroffen – diese Tatsachen gehören als historische Fakten mit dazu, wenn man sich ein Gesamtbild über die Situation Ende April machen will.
Somit also sind die Gerüchte über den Mord an den beiden Russen am 24. April in Grafenried durch die Berichte des SNB und die Unterlagen des ITS nun bestätigt. In der Sterbematrikel der Pfarrei Grafenried, die bis Mai 1946 von Pfarradministrator Josef Gerl weitergeführt wurde, und in den beiden Orts-Chroniken finden sich keine Hinweise auf den Vorfall. Bald gerieten die im Friedhof bestatteten Toten in Vergessenheit, wohl nicht zuletzt deshalb, weil Grafenried in den 1950er Jahren zerstört wurde und die Dorfstelle fortan im Sperrgebiet lag.
Im Sommer 2019 wurde hinter der Friedhofskapelle, deren Grundmauern wiedererrichtet wurden, eine kleine Gedenkstätte für die beiden Mordopfer errichtet: Ein Birkenkreuz und ein von Feldsteinen umsäumtes Blumenbeet.
Externe Links:
- Reise ohne Wiederkehr: Artikel auf onetz.de zu den Todesmärschen in der Oberpfalz
Fotos und Dokumente (zum Vergrößern bitte anklicken):
